Schon beim Schreiben meines Stufendiagramms fiel mir auf, dass der Leser meines Romans vielleicht Schwierigkeiten haben wird, die Motive des “Schurkens” zu verstehen. Die Ursache des Problem liegt in der Perspektive des Romans. Wie bereits in “Auf brüchigem Asphalt” habe ich mir auch dieses Mal vorgenommen, in der 1. Person zu schreiben.
Wer sich genauer mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Perspektiven beschäftigen möchte, dem lege ich gerne die entsprechende Folge von Marcus und meinem Podcast Die SchreibDilettanten ans Herz. Nur soviel: Wenn man in der 1. Person schreibt, kann man dem Leser natürlich auch nur “zeigen”, was die Perspektivfigur – in meinem Fall Jacqueline Wagner, die Heldin meines Romans – selbst erlebt. Gerade in einem Krimi tut man sich da schwer, denn meist ist es so, dass der Held erst in einem der letzten Kapitel auf den Schurken trifft.
Was also tun?
Schummeln. Viele Autoren behelfe sich, indem sie Kapitel einfügen, die dann die 3. Person als Perspektive wählen und die Geschichte mit Blick auf den Schurken erzählen. Das Problem: Der Leser wird durch den Wechsel der Perspektive irritiert und aus dem Lesefluss gerissen. Im schlimmsten Fall legt er das Buch dann beiseite.
Einen Vormittag habe ich mit mir gerungen, was ich nun tun soll, dann habe ich eine salomonische Entscheidung gefällt: Ich habe drei Kapitel in mein Stufendiagramm eingefügt, die ich in der 3. Person über den Schurken schreiben werde. Jedes dieser Kapitel soll kurz sein, sehr kurz, nicht mehr als ein oder zwei Seiten. Höchstens. Die Handlung in diesen Kapiteln ist minimal, ich konzentriere mich voll auf das Innenleben des Schurken. Ebenso werde ich sie so gestalten, dass ich sie jederzeit aus meinem Manuskript werfen kann, wenn ich später merke, dass der Bruch durch den Perspektivwechsel zu groß sein sollte.
Mal sehen, ob das so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.
Ganz ehrlich: Ich halte das für eine schlechte Idee.
Eigentlich sehe ich das Problem gar nicht. Alle guten Krimis, die in der ersten Person geschrieben sind, zeigen dem Leser den Bösewicht nicht oder halt nur, wenn der Held auf ihn trifft. Daran sind Leser gewöhnt.
Außerdem kann der Schurke ja vorher auftreten, nur weiß dann der Held – und der Leser – halt nicht, dass die Figur der Schurke ist. Das finde ich beim Krimi ja gerade reizvoll.
Insofern finde ich deine Entscheidung nicht salomonisch, denn du schummelst im Endeffekt ja so wie andere Autoren, die die Perspektive brechen, auch, nur halt ein bisschen weniger (vielleicht).
Wenn schon schummeln, dann innerhalb der Perspektive. Einfach, indem Tagebucheinträge, Videos, Briefe, SMS etc. vom Schurken auftauchen, die er als Katz-und-Maus-Spiel für seine Jäger hinterlässt.
Was ich auch noch akzeptabel finde: Wenn es einen Prolog gibt, der aus der Perspektive des Schurken geschrieben ist. Damit kann ich dann gerade mal noch so leben.
Alles, was darüber hinaus geht, empfinde ich als argen Stilbruch.
Wozu die Ich-Perspektive benutzen, wenn ihre Grenzen eben nicht als Stilmittel und vor allem als Mittel zur Erzeugung von Spannung genutzt werden? Dann bietet sich doch auch ein personaler Erzähler an. Mal ehrlich, mit Suchen & Ersetzen einmal durch den Text gehen und Ich durch Er (oder Sie) ersetzen zu lassen, ist keine Hürde
Danke für deinen Kommentar. Wir hatten ja schon vorher über die “Perspektivfrage” gesprochen und nach wie vor bin ich mir nicht sicher, was der richtige Weg ist.
Die Methoden zum “Schummeln” die du vorschlägst, sind zum größten Teil in meinem Stufendiagrammentwurf vertreten. Dennoch gewähren sie – nachdem ich alles noch einmal gelesen habe – m. A. nach nur wenig Einblick in die Psyche und vor allen Dingen die Entwicklung meines Schurken. Auch an die Geschichte mit dem Prolog habe ich gedacht: Das finde ich im Endeffekt aber wesentlich aufgesetzter und funktioniert. Die Maxime ist für mich “Show don’t tell” und die Methoden, die ich ansonsten verwenden würden, gehen eher in die Richtung “tell”- nur dass ich dann keinen Erzähler sondern Dokumente verwende. Die Bedenken hinsichtlich Stilmittel und der Erzeugung von Spannung teile ich nicht. Die Szenen sind zu kurz, um die Spannung zu killen, zuviel zu verraten etc. Die Frage, die ich mir gestellt habe, warum auf die Stärken der Ich-Perspektive verzichten, wenn ich mit einem kleinen Kniff die Schwächen umgehen kann? Sicherlich soll es kein Selbstzweck sein, an der Perspektive zu kleben. Im Endeffekt geht es nicht darum, einen Roman in der oder der Perspektive – sozusagen als Schreibübung – zu erzählen, sondern die beste Geschichte zu schreiben, die man schreiben kann.
Aber wie gesagt, ich werde das alles mal ausprobieren und dann entscheiden, ob ich die Szenen drin lass oder kille. Es ist auf jeden Fall ein spannendes Experiment und ich freue mich darauf