Wichtiger als die Handlung, sind meiner Meinung nach die Figuren einer Geschichte. Natürlich kann man eine Menge bei der Erschaffung von Figuren falsch machen. Hier meine persönlichen Top 3 der Fehler.
3. Die super-duper-runde Figur
Nicht nur James N. Frey („Wie man einen verdammt guten Roman schreibt” u.a.) weist in seinen Büchern darauf hin, wie wichtig es als Autor ist, „runde” Figuren zu erschaffen. In jedem Ratgeber für angehende Schriftsteller gibt es unzählige Ratschläge, wie man dies bewerkstelligt: Stichwortlisten, Brainstorming, Biografien, Interviews, Testszenen und vieles, vieles mehr. Das alles sind tolle und gut gemeinte Ratschläge, nur, man kann es auch übertreiben. Das Problem: Wie will man sich an die seitenlangen Abhandlungen, die man im Vorfeld erarbeitet hat, beim Schreiben erinnern? Vielleicht bin ich besonders vergesslich, aber wenn ich mir auf 10 Seiten jede körperliche Eigenart einer Figur notiert habe, kann ich mich beim Schreiben keinesfalls an alles erinnern. Oder aber, auch das ist mir schon passiert, ich versuche, irgendwelche Belanglosigkeiten aus der Biografie meiner Figur in eine Geschichte einzubauen – nicht weil sie eine Bedeutung für die Handlung hat, sondern weil es sie halt gibt. Es gilt: Weniger ist mehr. Konzentration auf das Wesentliche.
2. Der schweigsame Rächer
Geben wir es doch zu: Vermutlich verbringen wir alle mehr Zeit vor dem Fernseher, als mit dem Lesen von Büchern. Und auch uns Schriftsteller prägt das. Kaum hat man einen erstklassigen Film gesehen, meint man, unbedingt eine Geschichte mit genau-diesem-tollen-Typen schreiben zu müssen. Nun, das Stehlen von Ideen … äh, ich meine, sich von den Werken anderer inspirieren zu lassen, ist unter Schriftstellern eine lange und glorreiche Tradition. Nur darf man nicht vergessen, dass Film und Buch doch ein wenig unterschiedlich funktionieren. Und da kommt der „schweigsame Rächer” ins Spiel. Man kennt ihn aus diversen Western und Krimis. Der einsame Streiter für die Gerechtigkeit, der während des ganzen Films kaum ein Wort über die Lippen bekommt. Im Film funktioniert die Figur hervorragend, in einem Buch hat man mit dem schweigsamen Rächer ein Problem: Dialoge treiben in den meisten Büchern die Handlung voran. Der Schriftsteller hat also gewisse Schwierigkeiten, wenn er sich mit diesem Figurentypus in einem Roman versucht. Das soll jetzt nicht heißen, dass das unmöglich ist, ich sage nur, man sollte genau wissen, auf was man sich da einlässt. Natürlich gibt es noch andere Figurentypen, um die man besser einen Bogen machen sollte: Eine blinde und vielleicht auch noch schwerhörige Perspektivfigur z.B.
1. Mein zweites Ich
Natürlich fließt beim Schreiben immer etwas von der Persönlichkeit des Schriftstellers in die Figuren ein. Das ist unvermeidlich, allerdings kann dies zu einem Problem werden, sobald man nicht nur zur eigenen Erbauung schreibt, sondern vorhat, seine Werke auf die Menschheit loszulassen. Machen wir uns doch nichts vor: Das Leben eines Schreiberlings ist nicht besonders glanzvoll. Weder retten wir die Welt, noch klären wir Mordfälle auf. Stundenlang an einem Computer zu hocken, ist auch nicht besonders sexy. Gibt es so etwas wie Schriftsteller-Groupies? Nicht, dass ich wüsste. Das heißt, die Mehrzahl von uns werden eher durchschnittliche Menschen sein und dem Glamour-Faktor einer leeren Milchtüte haben. Auch wenn es uns anders erscheint, in der Regel interessieren die Sorgen und Nöte, die wir haben – egal wie weltbewegend oder wichtig sie uns erscheinen – keinen Menschen. Deshalb haben sie in einem Roman nichts zu suchen.
Die Figuren eines Romans sind im seltensten Fall Durchschnittsmenschen, selbst dann nicht, wenn es auf den ersten Blick so scheint. Schon deshalb darf man als Schriftsteller nicht der Versuchung erliegen, Figuren zu sehr nach dem eigenem Vorbild zu erschaffen. Oder gar aus sich selbst die Hauptfigur einer Geschichte zu machen.
Ebenso wäre es grob unfair, unsere Leser – die im besten Fall sogar etwas für das Vergnügen, unsere Werke zu lesen, bezahlt haben – als unfreiwillige Therapeuten zu missbrauchen. Finde ich. Klar, das Schreiben kann für den Schriftsteller eine Therapie sein, um sich eigener Probleme bewusst zu werden und diese zu überwinden. Die Frage ist nur, sollten Geschichten, die mit dieser Absicht geschrieben wurden, veröffentlicht werden? Oder muss man die eigenen Wunschträume auf Kosten anderer ausleben? Ich bin der Ansicht, dass der Schriftsteller ein Dienstleister am Leser ist – nicht umgekehrt. Er sollte sich selbst zurückstellen, um dem Leser mit der besten Geschichte zu erfreuen, die er erschaffen kann.
Siehe hierzu auch: Die SchreibDilettanten – Podcast Folge 3 – Figuren.